BIA-ALCL bei Brustimplantaten – Symptome, Risiko und Behandlung erklärt
Kurz erklärt
BIA-ALCL steht für Breast Implant-Associated Anaplastic Large Cell Lymphoma. Auf Deutsch wird der Begriff meist als Brustimplantat-assoziiertes anaplastisches großzelliges Lymphom bezeichnet.
Es handelt sich um eine seltene Form eines T-Zell-Lymphoms des Immunsystems und nicht um klassischen Brustkrebs. Die Erkrankung entsteht typischerweise in der Flüssigkeit oder Narbenkapsel um ein Brustimplantat. Der Zusammenhang betrifft nach heutigem Kenntnisstand insbesondere Implantate mit texturierter Oberfläche.
Was ist BIA-ALCL?
Nach dem Einsetzen eines Brustimplantats bildet der Körper eine natürliche Bindegewebskapsel um das Implantat.
Bei BIA-ALCL entstehen krankhaft veränderte Lymphozyten im Bereich dieser Implantatkapsel beziehungsweise in der Flüssigkeit um das Implantat.
Die Erkrankung wird den Non-Hodgkin-Lymphomen zugeordnet.
Wichtig ist die anatomische Abgrenzung: BIA-ALCL entsteht meist nicht im eigentlichen Brustdrüsengewebe, sondern im Gewebe beziehungsweise in der Flüssigkeit unmittelbar um das Implantat.
Ist BIA-ALCL Brustkrebs?
Nein.
BIA-ALCL ist kein klassisches Mammakarzinom.
Ein Mammakarzinom entsteht aus Zellen des Brustgewebes. BIA-ALCL ist dagegen eine Erkrankung bestimmter Zellen des Immunsystems.
Der Begriff „Brustimplantat-assoziiert“ beschreibt den charakteristischen Zusammenhang mit der Implantatumgebung.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Diagnostik und Behandlung anders erfolgen als bei klassischem Brustkrebs.
Welche Brustimplantate stehen mit BIA-ALCL in Verbindung?
Der bekannte Zusammenhang betrifft vor allem texturierte Brustimplantate.
Die American Society of Plastic Surgeons beschreibt BIA-ALCL als Erkrankung, die am häufigsten bei Patientinnen mit texturierten Implantatoberflächen auftritt. Die publizierten Risikoschätzungen unterscheiden sich erheblich zwischen Implantattypen und Datensätzen.
Die FDA weist in ihren Meldedaten zudem auf ein wichtiges Problem hin: Bei einzelnen Fällen mit zum Diagnosezeitpunkt glatten Implantaten bestand teilweise eine frühere Exposition gegenüber texturierten Implantaten oder die frühere Implantatoberfläche war unbekannt. Meldedaten allein erlauben deshalb keine einfache Risikozuordnung.
Was bedeutet „texturierte Oberfläche“?
Die äußere Hülle eines Brustimplantats kann unterschiedliche Oberflächeneigenschaften besitzen.
Vereinfacht wird zwischen:
- glatten Oberflächen
- mikro- beziehungsweise geringer texturierten Oberflächen
- stärker texturierten Oberflächen
unterschieden.
Allerdings sind die Klassifikationen nicht weltweit vollständig einheitlich.
Deshalb ist die pauschale Aussage „texturiert ist texturiert“ medizinisch zu ungenau. Oberflächen unterscheiden sich hinsichtlich Struktur und Herstellungsverfahren.
Wie hoch ist das Risiko für BIA-ALCL?
Eine einzige allgemeingültige Zahl gibt es nicht.
Die American Society of Plastic Surgeons nennt auf Basis bestätigter Fälle und Verkaufsdaten für Frauen mit texturierten Implantaten eine geschätzte Lebenszeitrisikospanne von etwa 1:2.207 bis 1:86.029. Diese sehr große Spannweite zeigt, wie stark das Risiko vom Implantattyp und der verfügbaren Datenbasis abhängt.
Das BfArM dokumentiert für Deutschland histologisch bestätigte Fälle und beschreibt BIA-ALCL durch die Markerkombination CD30-positiv und ALK-negativ.
Risikozahlen sollten deshalb immer im Zusammenhang mit dem konkreten Implantatmodell und dessen Oberfläche betrachtet werden.
Welche Rolle spielten Allergan BIOCELL Implantate?
Bestimmte makrotexturierte Allergan BIOCELL Brustimplantate und Gewebeexpander wurden 2019 weltweit zurückgerufen.
Die FDA hatte Allergan aufgrund des BIA-ALCL-Risikos um einen Rückruf bestimmter BIOCELL-Produkte gebeten. Allergan leitete daraufhin einen weltweiten Rückruf ein.
Das BfArM weist darauf hin, dass die entsprechenden europäischen Maßnahmen bereits zuvor relevant waren und bestimmte Produkte seit Dezember 2018 in der EU nicht mehr regulär verfügbar waren.
Das Thema Allergan-Implantate behandeln wir im Beautymax-Lexikon separat.
Welche Symptome können auf BIA-ALCL hinweisen?
Typische Warnzeichen sind Veränderungen, die häufig erst Jahre nach der Implantation auftreten.
Dazu gehören insbesondere:
- plötzlich zunehmende Brustschwellung
- einseitige Brustvergrößerung
- Flüssigkeitsansammlung um das Implantat
- Schmerzen im Bereich des Implantats
- tastbare Raumforderung
- Verhärtung der Implantatumgebung
- Veränderungen der Brustform
Die FDA nennt anhaltende Schwellung, eine Raumforderung und Schmerzen im Bereich des Implantats als zentrale Symptome.
Was ist ein Spätserom?
Ein Serom ist eine Flüssigkeitsansammlung im Gewebe.
Nach einer Brustoperation können Flüssigkeitsansammlungen während der frühen Heilungsphase unterschiedliche Ursachen haben.
Besondere Aufmerksamkeit benötigt jedoch eine neu auftretende Flüssigkeitsansammlung lange nach der Implantation.
Dieses sogenannte Spätserom ist ein typisches Präsentationsmuster von BIA-ALCL.
Das bedeutet nicht, dass jedes Spätserom ein Lymphom ist.
Es bedeutet aber: Eine neu auftretende späte Flüssigkeitsansammlung sollte diagnostisch abgeklärt und nicht einfach nur wiederholt entleert werden.
Wann tritt BIA-ALCL typischerweise auf?
BIA-ALCL wird häufig erst Jahre nach dem Einsetzen des Implantats diagnostiziert.
Die FDA weist darauf hin, dass die Erkrankung meist Jahre nach der Implantation mit Veränderungen rund um das Implantat auffällt.
Publikationen beschreiben häufig eine Präsentation etwa sieben bis zehn Jahre nach Implantation.
BIA-ALCL ist deshalb keine typische frühe postoperative Komplikation.
Wie wird BIA-ALCL diagnostiziert?
Bei einem begründeten Verdacht erfolgt eine strukturierte Diagnostik.
Dazu können gehören:
- klinische Untersuchung
- bildgebende Untersuchung
- Untersuchung einer Flüssigkeitsansammlung
- Gewebeuntersuchung
- pathologische und immunhistochemische Diagnostik
Bei einem Serom kann Flüssigkeit punktiert und zur spezialisierten pathologischen Untersuchung eingesendet werden.
Die FDA empfiehlt bei Verdacht die zytologische Untersuchung sowie Tests auf CD30 und ALK.
Was bedeutet CD30-positiv?
CD30 ist ein Oberflächenmarker bestimmter Zellen.
BIA-ALCL-Zellen zeigen charakteristischerweise eine starke CD30-Expression.
Aber wichtig:
CD30 allein ist keine Selbstdiagnose und kein einfacher Bluttest auf BIA-ALCL.
Die Diagnose muss im Zusammenhang mit Zellmorphologie, Immunhistochemie und klinischer Situation durch eine entsprechend erfahrene Pathologie gestellt werden.
Was bedeutet ALK-negativ?
ALK steht für Anaplastic Lymphoma Kinase.
BIA-ALCL weist typischerweise die Kombination:
CD30-positiv / ALK-negativ
auf.
Auch das BfArM verwendet diese histologische Markerkombination bei der Beschreibung bestätigter deutscher Fälle.
Reicht ein Ultraschall zur Diagnose?
Nein.
Eine bildgebende Untersuchung kann eine Flüssigkeitsansammlung, Kapselveränderungen oder eine Raumforderung sichtbar machen.
Sie kann BIA-ALCL jedoch nicht allein sicher bestätigen.
Für die Diagnose ist die Untersuchung von Flüssigkeit beziehungsweise Gewebe entscheidend. Die FDA beschreibt die Abklärung als Kombination aus klinischer Untersuchung, Bildgebung und Analyse von Flüssigkeit oder Gewebe.
Kann BIA-ALCL mit einer Kapselkontraktur verwechselt werden?
Ja, die Beschwerden können sich teilweise überschneiden.
Eine Kapselkontraktur kann unter anderem zu:
- Verhärtung
- Formveränderung
- Schmerzen
- Implantatverlagerung
führen.
BIA-ALCL kann ebenfalls mit Veränderungen der Implantatumgebung einhergehen.
Eine neu auftretende Brustschwellung oder ein Spätserom sollte deshalb nicht automatisch als normale Kapselproblematik eingeordnet werden.
Wie wird BIA-ALCL behandelt?
Die Behandlung hängt vom Stadium der Erkrankung ab.
Bei bestätigter und auf Implantat beziehungsweise Kapsel begrenzter BIA-ALCL steht die vollständige operative Entfernung des Implantats und der betroffenen Kapsel im Mittelpunkt.
Bei vorhandenen Tumormassen müssen auch diese vollständig entfernt werden. Fachpublikationen und klinische Empfehlungen beschreiben die komplette chirurgische Entfernung als entscheidenden Behandlungsansatz bei lokalisierter Erkrankung.
Bei fortgeschrittener Erkrankung können zusätzliche onkologische Behandlungen notwendig werden.
Die Therapie sollte in einem erfahrenen multidisziplinären Team geplant werden.
Was bedeutet En-bloc-Kapsulektomie?
Der Begriff En-bloc wird im Zusammenhang mit Brustimplantaten teilweise sehr ungenau verwendet.
Bei einer bestätigten BIA-ALCL besteht ein onkologischer Grund für eine vollständige operative Entfernung des Implantat-Kapsel-Komplexes und vorhandener Tumormassen mit dem Ziel einer vollständigen Resektion.
Das ist etwas anderes als die pauschale Forderung, bei jeder Implantatentfernung aus ästhetischen oder unspezifischen Gründen müsse zwingend eine En-bloc-Operation erfolgen.
Der medizinische Grund für die Operation entscheidet über die notwendige Kapselchirurgie.
Ist BIA-ALCL heilbar?
Bei früh erkannter und vollständig operativ entfernbarer Erkrankung bestehen gute Behandlungsmöglichkeiten.
Problematischer kann eine fortgeschrittene Erkrankung mit Ausbreitung außerhalb der Implantatkapsel sein.
Deshalb ist es wichtig, neu auftretende Veränderungen rund um ein Brustimplantat medizinisch abklären zu lassen.
Selten bedeutet nicht irrelevant – aber BIA-ALCL ist auch kein Grund für pauschale Panik.
Müssen texturierte Implantate vorsorglich entfernt werden?
Nicht automatisch.
Die FDA empfiehlt bei Patientinnen ohne Symptome keine routinemäßige Entfernung von Brustimplantaten allein aus Sorge vor BIA-ALCL.
Die individuelle Situation kann jedoch unterschiedlich sein.
Relevant sind unter anderem:
- Implantathersteller
- konkretes Implantatmodell
- Implantatoberfläche
- frühere Implantate
- vorhandene Beschwerden
- individuelle Risikowahrnehmung
Eine Patientin sollte deshalb möglichst wissen, welches Implantat tatsächlich eingesetzt wurde.
Warum ist der Implantatpass wichtig?
Der Implantatpass beziehungsweise die Implantatdokumentation enthält wichtige Angaben zum verwendeten Medizinprodukt.
Dazu können gehören:
- Hersteller
- Implantatmodell
- Serien- oder Lot-Informationen
- Implantatgröße
- Implantatoberfläche
Die FDA empfiehlt Patientinnen, Hersteller und Implantatmodell zu dokumentieren beziehungsweise die Operationsunterlagen anzufordern, wenn diese Informationen nicht bekannt sind.
Gerade bei Implantaten, die vor vielen Jahren eingesetzt wurden, kann diese Dokumentation später medizinisch relevant werden.
Was ist, wenn ich meinen Implantathersteller nicht kenne?
Dann sollten nach Möglichkeit die früheren Operationsunterlagen angefordert werden.
Mögliche Ansprechpartner sind:
- der damalige Operateur
- die Klinik
- das Krankenhausarchiv
Der Implantatpass ist die einfachste Informationsquelle, sofern er noch vorhanden ist.
Die äußere Brustform oder ein normales Foto reicht nicht aus, um Hersteller und Implantatoberfläche zuverlässig zu bestimmen.
Gibt es einen Bluttest zur Früherkennung?
Derzeit gibt es keinen etablierten allgemeinen Bluttest, mit dem beschwerdefreie Implantatträgerinnen zuverlässig auf BIA-ALCL gescreent werden können.
Die ASPS weist darauf hin, dass aktuell nicht getestet werden kann, welche individuelle Patientin die Erkrankung entwickeln wird.
Die Diagnostik erfolgt bei klinischem Verdacht anhand der Implantatumgebung, insbesondere Flüssigkeit oder Gewebe.
Häufige Fragen zu BIA-ALCL
Ist BIA-ALCL Brustkrebs?
Nein. Es handelt sich um ein Lymphom des Immunsystems und nicht um ein klassisches Mammakarzinom.
Betrifft BIA-ALCL nur Silikonimplantate?
Nein. Der relevante Zusammenhang wird stärker mit der Implantatoberfläche als mit dem Füllmaterial diskutiert. BIA-ALCL wurde im Zusammenhang mit unterschiedlichen Implantatfüllungen beschrieben.
Ist jede Brustschwellung BIA-ALCL?
Häufige Fragen
Nein. Brustschwellungen können viele Ursachen haben. Eine neu auftretende, anhaltende oder einseitige Schwellung Jahre nach Implantation sollte jedoch abgeklärt werden.
Ist ein Spätserom automatisch Krebs?
Nein. Ein Spätserom kann unterschiedliche Ursachen haben. BIA-ALCL gehört jedoch zu den wichtigen Differenzialdiagnosen.
Muss ich meine Implantate sofort entfernen lassen?
Bei fehlenden Symptomen empfehlen Behörden wie die FDA keine pauschale vorsorgliche Entfernung allein aus Angst vor BIA-ALCL.
Kann BIA-ALCL Jahre nach einem Implantatwechsel auftreten?
Die gesamte Implantathistorie ist diagnostisch relevant. Frühere Implantatoberflächen sollten deshalb bei der Anamnese berücksichtigt werden. FDA-Meldedaten zeigen, dass bei einigen berichteten Fällen frühere texturierte Implantate vorhanden waren.
Was sollte ich bei plötzlicher einseitiger Brustschwellung tun?
Die Brust sollte zeitnah medizinisch untersucht werden. Besonders bei einer Jahre zurückliegenden Implantation sollte eine mögliche Flüssigkeitsansammlung gezielt abgeklärt werden.
Quellen
- FDA – Questions and Answers about BIA-ALCL
- FDA – Medical Device Reports zu BIA-ALCL
- BfArM – Brustimplantate und BIA-ALCL
- American Society of Plastic Surgeons – BIA-ALCL Summary
- Longo B. et al.: Clinical recommendations for diagnosis and treatment according to current updated knowledge on BIA-ALCL. PubMed
- D’Orsi G. et al.: BIA-ALCL and BIA-SCC: Updates on Clinical Features and Genetic Mutations for Latest Recommendations. PubMed Central
- FDA – Allergan BIOCELL Recall
